Sich auf eine Pilgerreise zu begeben, war lange Zeit tief religiösen Menschen vorbehalten und galt nicht als besonders modern. In den letzten Jahren – spätestens seit Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ – erlebt das Pilgern einen Aufschwung, mit dem niemand mehr gerechnet hätte. Weniger als zu einer bestimmten Religion zugehörige Erfahrung werden Pilgerreisen zu einer interreligiösen spirituellen Erfahrung, bei der das gestresste Individuum Zeit für sich findet und außerhalb seines Alltags neue Erfahrungen sammeln kann.

Pilgern war in der Geschichte häufig ein Massenphänomen – in Mekka ist man nicht alleine und Jerusalem stellt einen der am meisten besuchten Orte der Welt dar. Das Pilgern stellte schon immer eine Mischung aus individueller Erfahrung und gemeinsamem Glaubenserlebnis dar.

In der Gegenwart gleicht das Pilgern mehr einer unterschiedlich stark spirituell motivierten Reise. Die Wallfahrtsorte, die von hunderttausenden von Pilgern aufgesucht werden, sind dabei durchweg religiöse Orte. Ganz vorne stehen immer noch Israel mit Jerusalem als Wiege der christlichen und jüdischen Religion, das französische Lourdes und das spanische Santiago de Compostela.

Gerade der Jakobsweg nach Santiago de Compostela erfreut sich seit dem Erscheinen von Hape Kerkelings Bestseller wachsender Beliebtheit. Der alte Weg durch die Pyrenäen stellt hohe Ansprüche an ungeübte Wanderer, belohnt dafür aber mit faszinierenden Ausblicken und einer Fülle historischer Orte.

Da es beim Pilgern doch um eine sehr individuelle Erfahrung geht, entscheiden sich die meisten, den Weg alleine zu gehen oder zumindest alleine zu starten. Nicht jeder legt bei der Suche nach sich selbst Wert auf Begleitung – die Erfahrungen des Wanderns können alleine intensiver erlebt werden, und man kommt den eigenen Grenzen vielleicht näher, wenn keine Ablenkung da ist. Dennoch bleibt kaum ein Pilger auf Dauer alleine: Wer in den Pilgerherbergen auf dem Weg halt macht, wird immer wieder auf Gleichgesinnte treffen. Nicht selten ergeben sich daraus langjährige Freundschaften: Wer die tiefschürfenden Erfahrungen miteinander teilt, bleibt miteinander verbunden. Der Austausch untereinander und die ganz verschiedenen Menschen, denen man bei einer solchen Reise begegnen kann, haben einen ganz eigenen Wert, der den Horizont der eigenen Erfahrung beim Pilgern erweitern kann.
Unabhängig davon, für welchen Weg man sich entscheidet – an Scheidepunkten des Lebens ist eine Pilgerreise noch heute eine gute Hilfe, den Kopf klar zu bekommen und neuen Mut zu schöpfen.