Es gibt ihn nicht, DEN Seemannsknoten, es gibt Hunderte von Seemannsknoten. Es gibt Stopper- und Endknoten, Taljereepsknoten als Zwei-Strang-Verdickungsknoten oder Taljereepsknoten als Mehr-Strang-Verdickungsknoten, freihändig gebundene Knoten oder auf Unterlagen gebundene Knoten, es gibt Schlingen, Einzelschlaufen-Knoten, Steke an Masten, Takelage und Trossen oder Steke an Pfosten, Dalben und Pollern, es gibt Laschings und Stropps, Webeleinenstek, Kreuzungsknoten und noch viele mehr.

Das Ashley-Buch der Knoten, das Standardwerk in diesem Metier, ein Wälzer von über 600 Seiten mit einem Gewicht von 2 kg, endet mit Knoten Nummer 3854. Zwar hat Ashley auch Knoten aus anderen Bereichen als der Seefahrt aufgenommen, Knoten aus handwerklichen Berufen vom Metzger bis hin zum Dieb, jedoch haben die Seemannsknoten in diesem Werk die gewaltige Übermacht.

Niemand anderer als der Seemann hat der Knotenkunde seinen Ruhm eingebracht. Aus der Arbeit und dem Umgang mit Schiffstauen und Takelage entstand der Seemannsknoten.

Der Seemannsknoten musste halten, auch wenn es auf See stürmte und meterhohe Wellen über Bug und Heck des Schiffes schlugen. Andererseits musste der Knoten schnell und leicht wieder lösbar sein, wenn die Segel eingeholt und die Anker gelichtet wurden.

DEN einen Seemannsknoten gibt es nicht, denn es sind sehr viele mehr

DEN einen Seemannsknoten gibt es nicht, denn es sind sehr viele mehr

Der Bindeknoten, den wir für unsere Schuhe verwenden und der sich, zu unserem Ärger, oft genug von selbst löst, ist denkbar ungeeignet. An unseren Doppelknoten haben wir manchmal arg zu knabbern, sie wieder aufzubekommen.
Der Seemann musste ganz andere Arten von Knoten entwickeln, um der Meilen an Tauwerk und Takelage, die er den Tag über im Gebrauch hatte und der gewaltigen Zugkräfte, die an den Tauen zerrten, Herr zu werden.

Es gab verschiedene Knoten für die verschiedenen Funktionen. Rechtfertigt das die Vielzahl der Knoten? Wozu gibt es beispielsweise 30 verschiedene Knoten, ein Schiff in der Bucht zu halten?

Als die Schiffe noch segelten und lange Zeit weit draußen auf See waren, ohne einen Hafen anzusteuern, gab es Zeiten der Untätigkeit und der Muße. Die meisten Seeleute hatten sehr jung, teilweise noch als Kinder angeheuert und waren des Lesens und Schreibens unkundig. Auf den Walfängern fanden sich Knochen und Elfenbein zum Schnitzen und Gravieren als Zeitvertreib.

Was es aber auf allen Schiffen gab, das waren Reste von Tau, mit denen die Seeleute die Seemannsknoten üben und neue Techniken erlernen oder immer neue Knoten ersinnen konnten. Die Knotenkunde wurde zu einem Kunsthandwerk.

Das Ansehen eines Seemanns stieg mit der Anzahl der Seemannsknoten, die er beherrschte. Oft hielt ein Seemann das Wissen um einen neuen Knoten geheim, Knoten wurden zum Konkurrenz- und Tauschobjekt.

Nur in der Marine mussten sich die Leute mit Logleine, Angelschnur und anderem Kleinzeug zufriedengeben, weil es nicht genügend Tauwerk für alle gab, und beschäftigten sich beispielsweise mit Makramee.

In Zeiten der Maximalprofite wird die Anzahl der Seeleute auf einem Schiff knappgehalten und die paar, die das Schiff beherrschen müssen, haben alle Hände voll zu tun. In ihrer raren Freizeit lesen sie oder sehen fern. Das Ende des Kunsthandwerks Knotenkunde ist damit besiegelt.